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Kritisches über „Gedanken zum Untergang“ der DDR - Teil 2 von 3

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diskussionsbeitrag

vom Kollektiv zur Förderung der 
wissenschaftlichen Weltanschauung

 

Trotz Gemeinsamkeiten keine Blaupause: historisches Analysedefizit oder die falsche Analogie von NEP – NÖSPL

In der DRF-Dezemberausgabe greift Reiner Kotulla in seinem Artikel „Gedanken zum Untergang“ auf Stalins Analysen der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP) in der Sowjetunion der 1920er Jahre zurück, um die Reformpolitik Ulbrichts zu untermauern. Er zitiert Stalins Dialektik der „zwei Seiten“ der NEP: das begrenzte Zugeständnis an den Markt einerseits und die unbedingte Notwendigkeit der staatlichen Regulierung andererseits. Kotulla präsentiert diese Analyse nicht als historisches Dokument, sondern schließt mit der Behauptung, Stalins Aussagen zum Verhältnis von Plan und Markt seien „auch heute noch gültig“. Der Artikel endet abrupt, ohne eine aus den historischen Betrachtungen abgeleitete Schlussfolgerung oder konkrete Lehren für die Gegenwart zu formulieren. Dieser Exkurs ist jedoch der gravierendste Ausdruck seiner methodischen Fehler.

Anstatt eine konkrete Untersuchung der DDR-Ökonomie in den 1950/60er Jahren vorzulegen, füllt Kotulla diese Fehlstelle mit Stalinzitaten zur sowjetischen „NEP“. Diese werden nicht als historische Dokumente in ihrem gesamtgesellschaftlichen – und internationalen – Kontext analysiert, sondern als zeitlose, allgemein und überall gültige Weisheiten präsentiert. Ein weiterer fundamentaler Verstoß gegen die Prinzipien des historischen Materialismus.

Aus unserer Sicht muss die Frage dialektisch-logisch so gestellt werden: konnte das NÖSPL in den 1950/60er Jahren eine analoge Funktion für die DDR erfüllen wie die NEP für die junge Sowjetunion?

Eine kommunistische Analyse muss die konkreten Klassen- und Machtverschiebungen untersuchen, die jeweils mit der NEP und dem NÖSPL verbunden waren. Die Autonomie der volkseigenen Betriebe in der DDR, die spezielle betriebliche Fondsbildung und die Betonung der Gewinnkategorie stärkten mit Einführung des NÖSPL objektiv die Position der Betriebsdirektoren, der leitenden Ingenieure und der technischen Intelligenz. Diese für die Modernisierung unverzichtbare Schicht konnte unter marktfördernden Bedingungen zu einer potenziellen Keimzelle einer richtungsbestimmenden Schicht werden. Der hier angelegte Klassenkampf war ein anderer, subtilerer als jener in der Sowjetunion der 1920/30er Jahre; es war der Kampf innerhalb der sozialistischen Länder und Parteien gegen die Tendenzen der Bürokratisierung, gegen die Herausbildung egoistischer Partikularinteressen und gegen die schleichende Unterwanderung der sozialistischen Planziele durch eine an kapitalistischen Kategorien orientierten Ökonomie.

Indem Kotulla diesen qualitativen Unterschied ignoriert, verfehlt er das Wesen dieser spezifischen historischen Situation und damit auch jede ökonomisch, ideologisch und wissenschaftlich adäquate politische Schlussfolgerung.

Die Stalinsche NEP-Analyse ist anders gelagert. Diese bezog sich auf die spezifischen Bedingungen eines vom Krieg und Bürgerkrieg zerstörten, agrarisch geprägten Landes mit einer schwachen Arbeiterklasse und einer riesigen kleinbäuerlich-privatkapitalistischen Ökonomie. Der sowjetische Markt war ein reales Zugeständnis an die noch vorhandene Ware-Geld-Beziehung zwischen dem proletarischen Staat und der kleinbäuerlichen Mehrheit. Das Ziel war die Schaffung einer Akkumulationsbasis für die Industrialisierung als „Schmiede des Sozialismus“. Der antagonistische Widerspruch zwischen sozialistischem Staat und privatkapitalistischen Elementen (Nepmen, Kulaken) war offensichtlich, musste notwendig im weiteren Verlauf entscheidend aufgehoben werden.

Die DDR der 1950/60er Jahre war hingegen eine Gesellschaft in der Entwicklung zu einem hochindustrialisierten Zustand (mit noch zahlreichen Schwächen und Mängeln), mit vergesellschafteten Produktionsmitteln und staatlichem Außenhandel, einem etablierten Planungsapparat und einer ausgebildeten, organisierten Arbeiter- und Bauernklasse. In der DDR ging es somit nicht mehr um den Kampf gegen eine dominierende privatkapitalistisch produzierende Bauernschaft oder eine wachsende Kapitalistenklasse, sondern um eine (von uns kritisch zu untersuchende) Etappe, die Stimulierung der Produktivkraftentwicklung mittels kapitalistischer Marktelemente und -mechanismen beschleunigen zu wollen. Die unkritische Gleichsetzung dieser beiden historisch-konkreten Situationen ist somit falsch: sie blendet die unterschiedlichen Produktionsverhältnisse, Klassenstrukturen und Entwicklungsstufen aus und reduziert die Analyse auf eine sterile Analogie.

 

Der Markt der Waren entwickelt sich auf Filzlatschen: historische Lehren und politische Konsequenzen

Aber Theorien und politische Linien sind niemals neutral. Eine kommunistische Analyse muss fragen: welche konkreten sozialen Gruppen (Schichten der Arbeiterklasse, technische Intelligenz, Wirtschaftsfunktionäre, Parteimitglieder) vertreten welche Position? Welche materiellen Interessen und Machtpositionen sind damit verbunden? Die Geschichte des NÖSPL ist somit auch eine Geschichte des Kampfes unterschiedlicher Kräfte in den gesellschaftspolitischen Entscheidungsgremien um Einfluss und Deutungshoheit.

Jede Analyse muss zudem von der konkreten Totalität der zu untersuchenden Gesellschaftsformation ausgehen. Für die DDR bedeutet das die gleichzeitige Berücksichtigung bspw. des spezifischen Produktivkraftniveaus und der Kriegsfolgen; der imperialistischen Einkreisung; des inneren Kräfteverhältnisses der Klassen und Schichten (Arbeiterklasse, Bauern, Intelligenz, Bürokratie); des sozialistischen Bewusstseinsstandes in Bevölkerung und Partei. Alle diese Aspekte bleiben in dem Artikel von Reiner Kotulla ausgeblendet. Stattdessen wird die komplexe Wirklichkeit durch eine autoritätsgläubige Zitatmontage ersetzt.

 

Das absurde Autorennen: eine politisch-ökonomische Irreführung

Die Metapher eines „Autorennens“, die Kotulla aus Ulbrichts Diktum „Überholen ohne einzuholen“ ableitet, verfehlt den Kern der marxistischen Systemanalyse im Grundsatz. Die entscheidende Erkenntnis lautet: das sozialistische Auto kann das kapitalistische Auto nicht überholen, weil es in eine andere Richtung und auf einer anderen Strecke fährt. Hier liegt der fundamentale Fehler dieser Verbildlichung.

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist ein System, dessen inneres - durch die Konkurrenz angeheiztes - Bewegungsgesetz die Maximierung des Mehrwerts (Profit) ist. „Ziel“ ist die Akkumulation von Kapital, die Konzentration von Reichtum in den Händen der Finanzkapital- und Produktionsmittelbesitzer. Waren werden nicht primär produziert, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um Mehrwert zu erzeugen. Die „Richtung“ ist eine endlose, sich selbst reproduzierende Wertverwertung – eine Fahrt ins Chaos der Überproduktion und in regelmäßige Krisen.

Die sozialistische Planwirtschaft hingegen – in ihrer wissenschaftlichen Grundkonzeption – zielt auf die planmäßige, stetige und vielfältige Befriedigung der wachsenden Bedürfnisse der arbeitenden Menschen ab. Ihre „Richtung“ ist die Steigerung des gesellschaftlichen Reichtums an Gebrauchswerten (Mehrprodukt), die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und die Aufhebung der Ausbeutung. Ihr Maßstab ist nicht der Profit (auch nicht der Gewinn), sondern der reale Lebensstandard, die Kooperation, die Bildungsmöglichkeiten, die kulturelle Entfaltung und die verkürzte notwendige Arbeitszeit.

Die Aufgabe bestand und besteht nicht im „Überholen ohne einzuholen“, sondern im konsequenten Verlassen der kapitalistischen Rennstrecke und im kollektiven Bau einer neuen und breiteren Straße – einer, die zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Entfremdung führt. Dass diese Abzweigung historisch versperrt und auf die kapitalistische Strecke zurückgeleitet wurde, ist die eigentliche „Untergangstragödie“, die es zu analysieren gilt, nicht ein Wettrennen um ein absurdes gleiches Ziel. Kotullas Verständnis bleibt in der Logik des Wettbewerbs mit dem Imperialismus gefangen, anstatt den qualitativen Systemgegensatz zu begreifen.

 

Die unterschätzte Gefahr: ideologische Degeneration als Grundlage des ökonomischen Revisionismus

Kotulla umgeht zudem einen entscheidenden Aspekt: die eigentliche Gefahr für den DDR-Sozialismus lag neben den Gefahren eines wiedererstehenden Privatkapitalismus, in der inneren gesellschaftlichen Degeneration: in der Herausbildung einer von Markt- und Effizienzkategorien geprägten, sozial entfremdeten Politiker-, Verwaltungs- und Kopfarbeiterschicht, deren Interessen sich von denen der Arbeiterklasse immer weiter entfernen konnten (und mussten). Das jugoslawische Modell der „Arbeiterselbstverwaltung“ unter am Ende vollständig hergestellten kapitalistischen Marktbedingungen demonstrierte recht frühzeitig, wohin dieser Weg führt: von einer Klasse von Kollektiv-Kapitalisten, zur immer weiteren Öffnung gegenüber dem Weltimperialismus und am Ende zur vollständigen Wiedererrichtung und Herrschaft des Kapitalismus im eigenen Land.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

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