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Kritisches über „Gedanken zum Untergang“ der DDR - Teil 1 von 3

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diskussionsbeitrag

vom Kollektiv zur Förderung der 
wissenschaftlichen Weltanschauung

 

1. Kritik als Wissenschaft: Warum die „Gedanken zum Untergang“ den Sozialismus nicht denken, sondern verklären

Reiner Kotullas „Gedanken zum Untergang“ in der Dezemberausgabe der DRF haben zweifellos das Verdienst, ein wichtiges und oft tabuisiertes Thema – die inneren Reformdebatten der DDR – wieder auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Sein Artikel kann als Diskussionsimpuls dienen; als marxistisch-leninistische Analyse ist er nicht nutzbar. Es ist ein plausibel scheinendes Erklärungsschema: die DDR, der erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat, sei vor allem an der unduldsamen Feindschaft des Westens zugrunde gegangen. Dieser These widmet sich Reiner Kotulla und liefert damit ein Lehrstück darüber, wie Geschichte durch vereinfachende Narrative entstellt statt erhellt werden kann.

Eine Prüfung von Kotullas „Gedanken über den Untergang“ der DDR offenbart weniger einen einfachen Streit um Fakten als vielmehr ein grundlegendes methodisches und politisches Dilemma: wie kann die Geschichte des real existierenden Sozialismus kritisch gewürdigt werden, ohne in apologetische Verklärung oder pauschale Verdammung zu verfallen?

 

2. Dem falschen Zitat folgt das falsche Zitieren – ein Zitatenmosaik als Analyseersatz

Kotullas Artikel folgt aber einem klaren narrativen Muster. Er beginnt mit der Eingangsthese „Die DDR ging nicht an ihren Fehlern zugrunde, sondern daran, daß der Westen sie nicht duldete“, die er fälschlicherweise dem Dramatiker Peter Hacks zuschreibt (nachweislich stammt sie von Egon Krenz). Dieser Rahmen setzt den Ton: das Scheitern wird primär als Ergebnis feindlicher äußerer Umstände – des „Kalten Krieges“ und der „Unduldsamkeit des Westens“ – beschrieben. Vor diesem Hintergrund entwickelt Kotulla sein eigentliches Anliegen, die Rehabilitierung Walter Ulbrichts als Reformer der sozialistischen Ökonomie. In kurzen biografischen Strichen zeichnet er Ulbricht als proletarischen Revolutionär und Antifaschisten. Den Kern des Artikels bildet jedoch die Darstellung der ökonomischen Reformdebatten der 1950/60er Jahre. Kotulla hebt das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) als einen wegweisenden Versuch hervor, Plan und Markt in eine „organische Einheit“ zu bringen, um die Produktivkräfte zu entwickeln und die ideelle Überlegenheit des Sozialismus in eine materielle zu verwandeln.

 

3. Das Fehlen von Tiefenschärfe: Was eine dialektische Kritik einfordern muss

Seine „Gedanken zum Untergang“, so gut gemeint sie gewesen sein mögen, dringen in mehrfacher Hinsicht kaum unter die Oberfläche. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem „Untergang“ der DDR verlangt nach mehr: einem ernsthaften Bemühen, in die Tiefen der Erscheinungen vorzudringen, dorthin, wo äußerer Druck und innere Widersprüche sich wechselseitig durchdringen und auf entwickelter Stufe reproduzieren. Kotullas Versuch, das Scheitern des ersten deutschen Arbeiter- und Bauerstaates zu erklären und die reformorientierte Politik Walter Ulbrichts zu würdigen, kann dabei jedoch kaum als „Anleitung zum Handeln“ verstanden werden. Vielmehr entfalten sich die Gedanken des Autors aufgrund erheblicher methodischer Nachlässigkeiten als schwerwiegende politische Verklärung.

Eine kommunistische Kritik muss diesen Beitrag daher einer zweifachen kritischen Betrachtung unterziehen: einer gründlichen Analyse der im Artikel enthaltenen inneren Widersprüche und einer konstruktiven Darlegung dessen, wie eine wissenschaftlich fundierte, dialektisch-materialistische Aufarbeitung beschaffen sein müsste.

Die Autoren dieser Kritik erhoffen sich davon eine Versachlichung der Diskussion im Sinne des wissenschaftlichen Sozialismus. Es sollte aber klar sein, dass eine umfassende wissenschaftliche Kritik im Rahmen eines Zeitungsartikels nicht möglich ist. Dadurch entstehende Auslassungen und Verknappungen sind somit zwangsläufig.

 

4. Die fehlende Vermittlung – vom methodischen Bruch und seinen politischen Folgen

Der dialektische Materialismus verlangt die konkrete historische Analyse jeder Erscheinung in ihrer Bewegung, ihren Widersprüchen und ihren äußeren wie inneren Bedingtheiten. Der historische Materialismus als Anwendung dieser Methode auf die Gesellschaftsentwicklung betrachtet ökonomische Formationen als geschichtlich notwendige Stadien, deren Entwicklungsgesetze es zu entschlüsseln gilt. Die Grundprämisse dabei: jede Produktionsweise – auch die sozialistische – entwickelt sich durch innere Widersprüche. Dabei ist es nicht die Frage, ob Widersprüche existieren, sondern welchen Charakter sie tragen (antagonistisch oder nichtantagonistisch) und auf welche Weise sie in der sozialistischen Gesellschaft bewusst gelöst werden können.

Eine dialektische Vermittlung zwischen den zwei Ebenen, der äußeren und der inneren – ein zentraler Ansatz jeder materialistischen Geschichtsanalyse – findet in dem Artikel nicht statt. Kotulla erklärt nicht, wie bspw. der unaufhörliche und sich in seinen Formen ändernde äußere Druck die inneren Widersprüche verschärfte, welche Handlungsspielräume in der DDR dennoch bestanden und wie auch innenpolitische Weichenstellungen die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit (auch schwächend) beeinflussen konnten. Der Artikel endet abrupt, ohne eine Synthese oder eine aus einer Analyse abgeleiteten Schlussfolgerung zu formulieren.

Dieser formale wie dialektische logische Bruch ist kein bloßer Formmangel, sondern verweist auf das generelle Fehlen methodischer Untersuchung. Dieser Bruch aber ermöglicht dem Autor, die politisch wie ideologisch gefährliche Entlastungserzählung von der äußeren Schuld beizubehalten. Gleichzeitig schreibt er in auffällig vereinseitigter Weise über eine interne Reformbewegung, als wäre sie in einem politischen Vakuum entstanden. Diese Denkweise ist unhistorisch und undialektisch.

 

5. Plan und Markt ohne Klassenfrage? – Die verdrängte Wissenschaft vom Sozialismus

Statt die sich mit Notwendigkeit durchsetzenden Widersprüche einer Vereinigung von Plan- und Marktwirtschaft in den Blick zu nehmen, liefert der Autor im Wesentlichen rein subjektive Meinungsäußerung über vermeintlich Ulbrichtsche Positionen. Die entscheidende Frage aber ist nicht, ob Marktmechanismen genutzt werden könn(t)en, sondern in welchem quantitativen und qualitativen Verhältnis sie zur planmäßigen, politisch-ideologisch geleiteten Ökonomie stehen. Ab welchem quantitativem Punkt unterminieren sie die sozialistischen Produktionsverhältnisse und stärken kapitalistische Tendenzen? Diese dialektische Schwelle, an der eine Reform in ihr reaktionäres Gegenteil umschlägt (und umschlagen muss), wird von Kotulla nicht erkannt und somit auch nicht benannt.

Kotullas zentrale Frage „Sozialismus und Markt, geht das zusammen?“ wird rein auf der formalen Abstraktionsebene verhandelt. Der Kern der Sache wird damit systematisch umgangen: die Frage der Klassenverhältnisse und der politischen Macht in einer sozialistischen Übergangsgesellschaft. Folgenreich dann die unkritische Übernahme des Ulbricht-Diktums: „Wer den Markterfordernissen nicht genügt, kann auch den gesellschaftlichen Erfordernissen nicht entsprechen.“ Diese Formulierung stellt die Prioritäten des (vor allem wissenschaftlichen) Sozialismus auf den Kopf! In einer auf den Kommunismus zusteuernden Gesellschaft können Marktmechanismen – wie bspw. Wertgesetz und Kategorien von Rentabilität und Profit – niemals zu einem Maßstab gesellschaftlicher Erfordernisse, der Bedürfnisbefriedigung, der Überwindung der Klassengegensätze und der kommunistischen Bewusstseinsbildung werden. Sie müssen vielmehr, soweit sie zeitweilig genutzt werden, strikt (und wesentlich zeitlich begrenzt) als Instrumente unter der Kontrolle des sozialistischen Staates und im Dienst der politisch definierten Planziele fungieren.

 

6. Die NEP als Lehrstück oder die Wiederkehr des Kapitalismus auf marktkonformen Filzlatschen

So wurde die NEP (новая экономическая политика) in der Sowjetunion unter dem Kampfruf „Wer wen!“ 1921 begonnen und bereits 1928/9 planmäßig – und damals rechtzeitig! – beendet. Kotulla hingegen verfällt in seinem Artikel dem Ökonomismus und der Vorstellung, ökonomische „Effizienz“ oder „Rationalität“ seien neutrale, klassenunabhängige Maßstäbe. Damit gibt er den Primat der sozialistischen Politik preis – einer zentralen Lehre des Marxismus-Leninismus. Die (Wieder-)Einführung „marktähnlicher“ Kategorien schafft unweigerlich auch die materielle Basis für das (Wieder-)Aufleben kapitalistischer Denkweisen, begünstigt die Herausbildung eigeninteressierter Gruppen innerhalb der Gesellschaft und unterminiert die sozialistische Wissenschaftlichkeit auf elementare Weise.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

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